yunnique.de

Disziplinierung in China – eine persönliche Erfahrung

Nun hat es auch mich erwischt und bin zurzeit total am Kränkeln. Schnupfen und Halsschmerzen, wobei alles nur halb so schlimm ist. Aber trotzdem passend zu meiner Stimmung bzw. meiner gesundheitlichen Lage gibt es heute ein eher nüchterndes Thema und den ersten Post zum Thema Disziplin für die Kategorie Kulturclash auf yunnique.de.

China, das Reich der Mitte, mit seiner ältesten Kulturgeschichte dieser Welt, gehört mit derzeitiger Bevölkerung von 1,3 Milliarden Menschen zu dem bevölkerungsreichsten Land der Erde. Bis vor nicht all zu langer Zeit wurde China noch als Entwicklungsland betrachtet, doch durch die rasche Entwicklung im Bereich Technik, Industrie bzw. Wirtschaft hat China sich rasant entwickelt und wird heute schon als Industrieland anerkannt. Nichtsdestotrotz besteht ein Großeil der Bevölkerung, welcher noch in extremer Armut lebt. Dies betrifft vor allem kleine, ländliche Regionen jenseits der großen Metropolen.

Auch ich komme aus einem kleinen Dörfchen von China. Ja, mein Heimatland ist China, das Land mit der ältesten Kulturgeschichte und mit hoher Disziplinierung, auf das ich äußerst stolz bin. Meines Erachtens ist Disziplin eines der wichtigsten Kriterien in unserem Leben um verschiedene Hindernisse überwinden, unterschiedliche Aufgaben in die Hand nehmen und lösen zu können. Disziplin ist essentiell in unserer Gesellschaft. Kant, ein deutscher Philosoph, sieht Disziplin sogar als ein Erziehungsziel, welches man besonders angestreben sollte. Trotz meiner positiven Meinung zu Disziplin und disziplinierten Menschen, finde ich einige Erziehungsmethoden, die zu meiner Grundschulzeit in China von Lehrkörpern verwendet worden sind, sehr fraglich. Hierzu würde ich euch gerne eine kleine, persönliche Geschichte von mir erzählen. Es handelt von einer Gegebenheit aus meiner Grundschulzeit in China.

Schon in den Grundschulen werden Kinder in China mit diszipilnarischen Maßnahmen gefordert und höchst getrimmt, zumindest ist es da, wo ich herkomme (Provinz) und zu meiner Zeit so gewesen. Dies äußerte sich in vielen Bereichen wie in der Sitzordnung und der Hausgabenvergabe und vielen mehr.

Es war immer eine strenge Sitzordnung vorhanden, an die sich alle halten mussten und die in jedem Schuljahr geändert wurde – dies nur am Rande. Vier Tischreihen befanden sich im Klassenzimmer, welche meist mit sechs oder sieben Tischen pro vertikale Reihe besetzt war. Zwei Schüler teilten sich ein Tisch, an dem sich ein Mädchen und ein Junge befinden mussten, wobei die Größe der einzelnen Schüler auch eine Rolle gespielt hatten. Größere Kinder wurden den hinteren Sitzreihen zugeordnet um die kleineren nicht die Sicht zu versperren und die Lerneffizienz so zu steigern, was auch Sinn machte. Zusammengerechnet waren es insgesamt 54 bis 56 Schüler in einer Klasse gewesen. Für europäische Schulen wäre dies undenkbar und absolut inakzeptable gewesen. Den Lehrern gegenüber hatten wir besonders viel Respekt. Lehrer zählten zu einer der wichtigsten Autoritätspersonen in China überhaupt, da Schulen bzw. (Aus)bildung einen besonders hohen Stellenwert in der chinesischen Gesellschaft genoß und bis heute genießen. Beim Unterrichtsbeginn und Eintritt des Lehrers mussten wir, alle gekleidet in unseren Schuluniformen, gemeinsam von unserem Platz aufrichten und eine kollektive Begrüßung vornehmen. Abgesehen davon zählten Nachmittagsunterrichte auch zur Tagesordnung meiner Grundschule. Wir hatten sehr viele Schulstunden und mussten übermäßig viel lernen um mithalten zu können. Selbst bei einer zweistündigen Mittagspause bekamen wir Hausaufgaben, die wir bis zum Schulbeginn nach der Mittagspause gemacht haben mussten. In einem Schuljahr mussten mehrere kleinen Tests geschrieben werden und zum Schuljahrschluss mussten wir sogar eine Endprüfung ablegen um das Erlernte in dem gesamten Schuljahr zu prüfen und dieses gleichzeitig wieder ins Gedächtnis zu rufen.

Mittelschule in Tianjin

Eine Oberstufe-Schule in Tianjin, China: Freiübungen zwischen den Schulstunden auf dem Sportplatz

Bereits als kleine Kinder mussten wir großen Druck erfahren. Die Atmosphäre bei Klausuren war äußerst streng, bedrückend und kaum auszuhalten. Man konnte im wahrsten Sinn des Wortes daran ersticken. Ich wurde immer extremst panisch, das Gefühl war einfach unerträglich. Zudem gab es auch ein sehr strenges Notenbewertungssystem mit 100 Punkten als höchste Punktzahl, welche mit der Note 1 in Deutschland vergleichbar war. In meiner Erinnerung hatte keines der Kinder in der Zeit wirklich schlechte Noten gehabt. Die meisten von uns hatten in allen Fächern nicht weniger als 90 Punkte erreicht, bis auf ein paar Ausnahmen natürlich. Eine Punktzahl von 95 Punkten war häufig nicht mehr zufriedenstellend aufgrund der hohen Anzahl von wirklich sehr guten, begabten Kindern in der Klasse. Die Konkurrenz war damals bereits überwiegend groß weshalb man sich nur bei einer vollständigen Punktzahl von 100 Punkten richtig freuen konnte.

Ich war damals sehr begabt in Chinesisch – schrieb stets hervorragende Noten und hatte nie weniger als 95 Punkte bei den Klasuren was bei Mathematik leider nicht der Fall war. Da war ich im Vergleich zu Chinesisch schon ‚wesentlich‘ schlechter und schaffte beinah nie mehr als 90 Punkte zu erreichen. Dies verärgerte meinen Mathelehrer stark. Dazu war ich eine sehr unaufmerksame Schülerin, die sich gern im Unterricht mit ihrem Tischnachbar unterhielt. Eine Schülerin, die keine guten Noten schrieb, die zudem unaufmerksam im Unterricht ist, konnte mein Lehrer nicht dulden, sodass er tatsächlich zur Gewaltmethode griff. Ich hatte in seinen Augen seine Autorität missachtet und ihn nicht als Lehrer ernst genug genommen sodass er zu härteren Maßnahmen greifen musste. Vor Augen aller wurde ich nach vorne gerufen und mit einem Holzstock, dessen ursprünglichen Zweck das Aufzeigen von Geschriebenen war, schlug er mich auf die Hand. Woran ich mich heute noch erinnern kann war der Schmerz von den Schlägen. Mein Lehrer erhoffte nach seinem Ermahnen bessere Noten von mir was natürlich erfolglos war. Ich hoffte zwar auch inständig ihn nicht mehr zu enttäuschen und versuchte mich auch seitdem besonders anzustrengen. Aber ich wurde immer schlechter, ich bemerkte wie panisch ich immer vor Klausuren wurde. Dadurch, dass ich immer schlechter wurde, wurde ich noch öfters geschlagen und aufgrund dessen schrieb ich auch fortwährend noch schlechtere Noten in Mathe – ein nicht endender Teufelskreis, muss ich sagen. Irgendwann erreichte ich sogar nur noch 79 Punkte. Über dieses Ergebnis meiner eigenen Leistung war ich selbst extrem erschrocken. Das einzige woran ich denken konnte, als ich von dieser schlechten erfuhr, war, dass mein Lehrer mich wieder bestrafen wird. Es war ein sehr mulmiges Gefühl gepaart mit Angst und Furcht. Ich bekam immer wieder Angst vor Schlägen und Schmerz, aber ich entwickelte kein Hassgefühl oder ähnliches weil ich, wir alle, nichts anderes kannte/n. Wir kannten keine anderen Länder, bei denen die Kinder nicht so bestraft wurden und das Schlagen von Schülern als etwas unmoralisches, falsches empfunden wurde. Wir hielten alle dies für normal von Lehrern bestraft zu werden wenn man ihre Anweisungen nicht befolgt und schlecht in der Schule war.

Ich muss sagen, dass diese Erziehungsmethode, welche mich zur Schülerin mit besseren Noten antreiben sollte, ein Misserfolg war. Was ich daraus mitgenommen habe, war nichts, außer, dass ich sehr häufig außerordentlich nervös und panisch war, insbesondere vor einer wichtigen Klausur zur meinen Schul-und Unizeit. Damit möchte ich aber nicht sagen, dass andere Personen nicht panisch werden vor Klausuren. Ihr wisst sicher wie ich es  meine. 😉

Anhand dieses Beispiels wollte ich verdeutlichen, dass diese harte und konsequenzvolle Erziehungsmethode zur Disziplinierung nicht wirklich geeignet ist um jemanden zu fördern. Schlagen erzeugt gleichermaßen die gleiche Wirkung, wie wenn man eine Person etwas befiehlt oder ermahnt. Wobei beim Schlagen eventuell zusätzlich psychische und/oder physische Folgen hinterlässt werden könnten. Disziplin ist ohne Zweifeln wichtig, aber wie ihr seht, muss jedoch ‚richtige‘ Methoden angewandt werden um jemanden gesund zu fördern wobei das Wort ‚richtig‘ ein sehr breit gefasster Begriff ist, der in diesem Fall zunächst definiert und festgelegt werden sollte…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.